Mathematik ist keine Naturwissenschaft. Geboren aus der Notwendigkeit des Zählens wurde sie im Altertum von den Philosophen entscheidend weiterentwickelt und geprägt, denn ihre wesentlichen Charakteristika sind das analytische Denken und die formallogische, deduktive Argumentation. Somit ist Mathematik eine Geisteswissenschaft, die besonders gut mit der ebenfalls analytischen Herangehensweise an die Texte der alten Sprachen vereinbar ist.

Alte Sprachen und Mathematik sind also keine Konkurrenten, sondern Partner. Diese Partnerschaft kann aber nur an einem altsprachlichen Gymnasium richtig zum Tragen kommen.

Daraus muss auch ein von anderen Gymnasien eventuell abweichendes Selbstverständnis resultieren: Mathematik ist keine dienende Hilfswissenschaft, ihre Ziele sind nicht anderen Disziplinen oder Begehrlichkeiten unterzuordnen. Andererseits stellt sie jedem gern die Früchte ihrer Errungenschaften zur Verfügung.

Die Mathematikfachgruppe am Gymnasium Ernestinum legt daher weiterhin Wert auf die Erarbeitung und das Verständnis des logischen Kalküls. Unsere Schüler sollen nicht nur rechnen, Modelle anwenden und Situationen mathematisieren können, sie sollen auch wissen, was sie da tun!

 

Der Einsatz des graphikfähigen Taschenrechners und weiterer neuer Medien ist eine Selbstverständlichkeit, aber kein Selbstzweck. Sie haben dort ihren Platz, wo sie didaktisch und methodisch sinnvoll sind. Entscheidend ist ihr Bildungsgehalt. Wenn sie eine neue Sicht auf bislang nicht lösbare Probleme geben, Einsicht fördern und Modellbildung initiieren, ist der Erkenntnisgewinn durch neue Medien eine Bereicherung des Unterrichtes. Aber auch der Zeitgewinn durch den Ersatz umfangreicher handwerklicher Tätigkeiten ist ein Vorteil, den wir uns nicht entgehen lassen können. Sind aber diese Aspekte nicht gegeben oder wird das Handwerk noch nicht genügend beherrscht, ist die elektronische Stütze nicht ratsam.

 

Neben der Bereitstellung des für eine Vielzahl von Studiengängen und Ausbildungsberufen benötigten wissenschaftspropädeutischen Wissens leistet der Mathematikunterricht einen wichtigen Beitrag zur Werteerziehung. Ordentlichkeit und Sauberkeit lernt der Schüler durch sorgfältige Darstellung nicht nur in Geometrie, sondern auch bei der Dokumentation seines Lösungsweges. Exaktheit und Gründlichkeit sind typische Werte, die im Mathematikunterricht vermittelt werden. Sie erzieht aber auch zur Kritikfähigkeit, sowohl was die Reflexion des eigenen Lösungsvorschlages betrifft als auch die Fähigkeit zur konstruktiven Kritik an den Vorschlägen der Mitschüler und zur Kommunikationsfähigkeit durch adäquate Verwendung der Fachtermini.

 

Den Herausforderungen der sich immer schneller wandelnden Bildungslandschaft, des verkürzten Gymnasiums und des neuen Kerncurriculums begegnen wir mit Weitblick: Die gymnasialen Ziele der wissenschaftsorientierten Grundbildung und allgemeinen Hochschulreife haben überdauernd Priorität. Deswegen verstehen wir die Vorsilbe „Kern-“ der oben angeführten „Laufbahn“ im Sinne eines Minimalkataloges. Für die intra- und interdisziplinäre Vernetzung des Wissens dringend benötigte, aber im Curriculum nicht mehr vorgesehene Lerninhalte müssen auch weiterhin Platz finden. Nur so ist Lernen nachhaltig.