Zeitzeugengespräch mit Bergen-Belsen-Überlebender

Elisabeth Seaman, die das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt hat, erzählt am Ernestinum ihre Geschichte


Die heute 84-jährige Elisabeth Seaman, eine geborene Rosenthal, war Anfang September aus Kalifornien, USA, nach Deutschland angereist, um an der Gedenkfeier zum 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen teilzunehmen. Sie nutzte den Besuch, um den Schüler*innen des 12. Jahrgangs des Ernestinums am 02.09.2022 aus ihrem Leben zu erzählen.

Elisabeth wurde im Jahr 1938 in Rotterdam geboren. Ihre Eltern stammten ursprünglich aus jüdischen Familien, hatten sich jedoch christlich-lutherisch taufen lassen und durften ein Jahr vor Elisabeths Geburt gegen Zahlung einer hohen Geldsumme aus Deutschland ausreisen. 1943 musste das 5-jährige Mädchen erleben, wie ihre Großeltern festgenommen wurden. Obwohl ein Verwandter der Familie honduranische Pässe organisierte, wurden auch Elisabeth und ihre Eltern im April 1944 von den Nationalsozialisten verhaftet und in das niederländische Durchgangslager Westerbork deportiert. Von dort aus erfolgte der Transport ins sogenannte Austauschlager Bergen-Belsen, wo Elisabeth und ihre Mutter von ihrem Vater und Ehemann getrennt wurden.
Elisabeth Seaman berichtete den Schüler*innen, dass sie zu klein gewesen sei, um sich an Einzelheiten aus dem Konzentrationslager zu erinnern. Sie werde jedoch nie vergessen, wie qualvoll das Appel stehen für sie und die anderen Gefangenen sowohl bei Eiseskälte wie auch bei sehr hohen Temperaturen gewesen sei. Ihr Vater wurde nach nur kurzer Zeit im Konzentrationslager krank und starb im Januar 1945. Er hatte seiner Ehefrau bis zuletzt Briefe geschrieben, die seine Tochter erst viel später, nach dem Tod der Mutter, zu lesen bekam und die sie sehr berührten.
Elisabeth Seaman und ihre Mutter wurden am 13.04,1945 in Farsleben bei Wolmirstedt befreit, nachdem sie Bergen-Belsen sechs Tage zuvor mit einem Räumungstransport verlassen hatten.
Ihr Weg führte die beiden zunächst in die Niederlande, ein Jahr darauf zu Verwandten nach London und schließlich nach El Salvador, wo Elisabeths Mutter Arbeit gefunden hatte. Im Jahr 1953 zogen Elisabeth Seaman und ihre Mutter nach Berkeley (USA), wo Elisabeth später auch studierte.
Nach ihrer Hochzeit im Jahr 1957 lebte Elisabeth außerdem in Cambridge und Stanford. Sie hat vier Kinder und wohnt heute in Kalifornien (USA). Seit 1982 ist Elisabeth Seaman als Mediatorin und Coach tätig.
Ihre Lebensgeschichte hat die Schüler*innen sehr berührt und gefesselt. Es wurden viele Fragen gestellt und das Gespräch war sehr bewegend. Auf die Frage, ob sie mit ihrer Mutter über Bergen-Belsen gesprochen habe, erklärte Elisabeth Seaman, dass sie damals versucht hätte, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und in die Zukunft zu schauen. Sie habe alle Gesprächsversuche ihrer Mutter abgeblockt, was sie im Nachhinein bedauere. Erst nach dem Tod ihrer Mutter habe sie angefangen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen. Heute sei sie dankbar dafür, dass es mit der Gedenkstelle Bergen-Belsen einen Ort gebe, derdie Geschichte dokumentiere und gegenwärtig halte. Die Vergangenheit dürfe nicht in Vergessenheit geraten.
Elisabeth Seaman resümierte, dass das „Miteinanderreden“ die stärkste Waffe gegen Krieg und für ein friedliche Miteinander sei. Sie gab den Schüler*innen den Rat, dem anderen genau zuzuhören, ohne vorher zu urteilen, denn nur so werde eine Grundlage für ein offenes und vorurteilfreies Zusammenleben geschaffen.
Bent Koszarek und Lynn Otte

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